Dienstag, 20. Dezember 2011

She’s dead



PieP, PieP, PiiiiieP.
 Als der Wecker ihn erbarmungslos aus seinen Träumen riss, fiel sein Blick wie selbstverständlich auf die neben ihm liegende Gestalt. Still und farblos lag sie neben ihm und atmete flach in das welke, orangebraune Kissen. Ihr Körper wirkte von den durch die Jalousie fallenden Sonnenstrahlen wie in helle und dunkle Streifen geschnitten. Der linke Nasenflügel zuckte leicht, als seine Hand über ihr verwaschenes Haar glitt. Ein kurzes zucken der Augenbraue, ein etwas widerwilliges grunzen, dann drehte sie sich auf die andere Seite und schlief weiter.

Die Müdigkeit aus den Augen reibend, stand er auf und schlurfte ins angrenzende Badezimmer. Während er den laufenden Fernseher passierte, sah er beiläufig in ein hässliches Schminkgesicht, das monoton die neuesten Schreckensnachrichten durchs Zimmer flüsterte. Gewohnheitsmäßig schaltete er den plappernden Apparat ab. An der Badezimmertür hingen schief geklebte Schwarzweißbilder von hübsch fotografierten Ärschen, die er beiläufig registrierte.  Leise schloss er die Tür.

Das schöne bordeauxrot der Fliesen kämpfte vergebens gegen das schrille Gelb der auf dem Boden verteilten Handtücher. Kleine Staubgebilde wirbelten sanft in dem von ihm erzeugten Luftzug. Unzählige aufgeklebte Schmetterlinge starrten ihn von den Wänden an, während er sich auf das Klo plumpsen ließ. Sein Blick fiel auf einen überfüllten Aschenbecher, zerfledderte Bücher und eine leere Klopapierrolle. Ärgerlich. Auf der verstaubten Waage, die halb unter dem Waschbecken versteckt stand, lag eine Packung Feuchttücher. Erleichtert begann er eine gemütliche Morgenrunde Tetris zu spielen, während sich sein Körper von den nächtlichen Häufungen befreite.

Aus dem Schlafzimmer drang leichtes Schnarchen, das rasch von seiner elektrischen Zahnbürste übertönt wurde. Sorgfältig putzte er seine Zähne, betrachtete dabei sein Spiegelbild im fleckigen Alibert. Fügte den Flecken ein paar weitere Spritzer Zahnpasta hinzu. Spuckte ins Waschbecken. Als er fertig war und aus dem Badezimmer trat, hatte sie sich unter der Decke verkrochen, nur noch ein wuscheliger Haarschopf lugte aus der Bettenburg hervor. Vorsichtig öffnete er den Schrank, holte Shirt, Hose und Socken aus einem Gewühl an Kleidern. Zog sich an und bemerkte erst beim Schließen des Reißverschlusses, dass er vergessen hatte, die Unterhose zu wechseln. Zog seufzend erneut die Hose aus.

 Fertig angezogen verließ er leise das Schlafzimmer. Ging in die Küche um Tee zu kochen und sah dabei gedankenverloren aus dem Fenster. Nachbars Garten war wie immer akkurat gepflegt und erübrigte sich eines zweiten Blickes. Als er den Zucker in seiner Tasse verrührte berührte ihn ihre Hand vorsichtig an der Hüfte. Lautlos war sie hinter ihn getreten und nun legte sie ihren schlaftrunkenen Kopf gegen seine Schulter. Still standen sie in der Küche, begrüßten zögerlich den neuen Tag.  


PieP, PieP, PiiiiieP.
Als der Wecker ihn erbarmungslos aus seinen Träumen riss, fiel sein Blick wie selbstverständlich auf den leeren Platz neben ihm. Unbenutzt lag das welke, orangebraune Kissen da. Ihr Geruch hing immer noch ein wenig in dem alten Stoff. Die durch die Jalousie fallenden Sonnenstrahlen schnitten das Zimmer in helle und dunkle Streifen. Seine geschwollenen Augenlider zuckten leicht, als seine Hand über die sanfte Einbuchtung in der Matratze glitt.

Die Traurigkeit aus den Augen reibend, stand er auf und schlurfte ins angrenzende Badezimmer. Während er den laufenden Fernseher passierte, sah er beiläufig in ein hässliches Schminkgesicht, das monoton die neuesten Schreckensnachrichten durchs Zimmer flüsterte. Gleichgültig ließ er den plappernden Apparat laufen. An der Badezimmertür hingen schief geklebte Schwarzweißbilder von hübsch fotografierten Ärschen, die er gar nicht registrierte.  Mit einem dumpfen Knall schloss er die Tür.

Das schöne bordeauxrot der Fliesen kämpfte vergebens gegen das deprimierend gelbliche Weiß der auf dem Boden verteilten Taschentücher. Kleine Staubgebilde wirbelten hektisch in dem von ihm erzeugten Luftzug. Unzählige aufgeklebte Schmetterlinge starrten ihn von den Wänden an, während er sich auf das Klo plumpsen ließ. Sein Blick fiel auf einen überfüllten Aschenbecher, zerfledderte Bücher und eine leere Flasche Rum. Ärgerlich. Auf der verstaubten Waage, die halb unter dem Waschbecken versteckt stand, lag eine ungeöffnete Bierdose. Erleichtert begann er an der Dose zu nuckeln, während sich sein Körper von den nächtlichen Häufungen befreite.

Aus dem Schlafzimmer drang enervierendes Handyklingeln, das nicht einmal von der elektrischen Zahnbürste übertönt werden konnte.  Kurz putzte er über seine Zähne, ignorierte dabei sein Spiegelbild im fleckigen Alibert. Fügte den Flecken ein paar weitere Spritzer Zahnpasta hinzu. Spuckte ins Waschbecken. Als er fertig war und aus dem Badezimmer trat, hatte das Handy aufgehört zu läuten. Niedergeschlagen öffnete er den Schrank, holte Shirt, Hose und Socken aus einem Gewühl an Kleidern. Zog sich an und bemerkte erst beim Schließen des Reißverschlusses, dass er vergessen hatte, die Unterhose zu wechseln. Achselzuckend schloss er den Knopf der Hose und  verließ das Schlafzimmer.

Ging in die Küche um Tee zu kochen und sah dabei gedankenverloren aus dem Fenster. Nachbars Garten war akkurat gepflegt wie immer und erübrigte sich eines zweiten Blickes. Als er den Zucker in seiner Tasse verrührte, klingelte das Handy erneut. „Notar“ stand auf dem Display. Kraftlos legte er es auf die Ablage. Durch die Vibration fing ein Kaffeelöffel an, wild auf dem alten Holz zu tanzen. Weinend stand er in der Küche, verfluchte inbrünstig den neuen Tag.

© Sybille Lengauer





Samstag, 10. Dezember 2011

Ein Tag am Meer



Kalt ist es hier. Nass auch. Um mich herum weißes Rauschen. Wasser im Mund, im Hals, im Magen. Wasser bald auch in meiner Lunge und wo ist eigentlich dieses verdammte Rettungsboot, das längst neben mir schwimmen müsste? Wütend bin ich. Verängstigt aber auch. Über meinem Kopf schlagen die Wellen zusammen und ich schlucke noch mehr Wasser. Meerwasser. Ich könnte jetzt Schwimmhäute gebrauchen.  Irgendwo muss doch jemand sein, der bemerkt dass mir hier gerade die Luft ausgeht. Rettungsschwimmer, wo bist du, wenn man dich braucht? Vögelst du gerade in einer Umkleidekabine, während ich hier ertrinke? Ja ich ertrinke, verdammt nochmal und warum hört mich eigentlich keiner?

Panik, jetzt ist sie da. Fließt wie eine zweite Welle über mich hinweg und ich merke, wie meine Muskeln krampfen. Meine Augen quellen aus den Höhlen und ich strample in diesem beschissenen Wasser, platsche Hilflos über einer gähnenden Untiefe, die mich nach unten zieht. Immer weiter nach unten. Die Wellen schlagen über meinem Kopf zusammen und ich höre eine Möwe über mir kreischen. Unter mir schwimmen silberne Fische und wahrscheinlich freuen sie sich darauf, mein Gesicht zu fressen, wenn ich endlich ersoffen und aufgeweicht mit dem Bauch nach unten durch ihre Welt treibe.

Kalt ist es hier und um mich herum wird das Rauschen immer lauter. Wasser in meiner Nase, in meiner Luftröhre. Ich huste und pruste und denke an den idiotischen Wolf, der versucht hat das Steinhaus des dritten Schweinchens umzublasen, bis er explodiert ist. Bald explodiere ich auch, zumindest innerlich. Wenn meine Lungenbläschen platzen, während das letzte bisschen Leben aus meiner Harnröhre schießt und sich mit dem Salzwasser vermischt, das nun wirklich jede meiner Körperöffnungen ausfüllt und warum zur Hölle wollte ich in dieses verfluchte Wasser springen und bis zur Unendlichkeit schwimmen, wenn ich doch ganz genau wusste, dass ich kaum schwimmen kann?

Langsam geht mir wirklich die Kraft aus und Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann schick mir jetzt jemanden der mich hier herausholt! Lass nicht zu, dass ich hier derart erbärmlich krepiere. Ja ich weiß, ich bin aus der Kirche ausgetreten, aber jetzt ehrlich, so unter uns beiden, Glaube ist doch keine Vereinssache, oder? Bitte!

Die letzte Welle war eine zuviel, jetzt gehe ich endgültig unter. Über mir verschwimmt der Himmel. Ich höre nichts mehr, sehe nichts mehr und mein Ich verkümmert zu einem kleinen Punkt in der Mitte meines Körpers. Der Rest ist erbärmlicher Schmerz, ein gewaltiges Zucken und sich Winden, das nicht aufhören will, während ich immer tiefer sinke. Ich reiße die Augen auf und sehe eine silberne Wolke vor meinem Gesicht aufsteigen. Mein letzter Atemzug, der an die Oberfläche steigt. Es wird dunkel. Ich sehe mein Leben an mir vorbeitreiben und es ist fürchterlich. Es ist unfertig, lückenhaft und voller Fehler, wie die erste Häkelarbeit eines Kleinkindes. „Ich war noch nicht fertig!“ schreie ich durch das verfluchte Wasser nach oben und ich frage mich, ob das irgendwen interessiert. Dann denke ich nichts mehr. Ein letztes Zucken, als meine Lungen verzweifelt versuchen das Meer einzuatmen. Ein letztes Krampfen, als mein Körper aufgibt. Mach’s gut, liebe Welt, ich war noch nicht fertig mit dir, aber das muss jetzt jemand anderes übernehmen. Mach’s gut, liebe Welt, so lieb warst du gar nicht, aber doch irgendwie geil. Mach’s gut und wenn du mich vermisst, du weißt ja, wo du mich findest…

© Sybille Lengauer